Blutstropfen

„Send nichts mehr her, wir brachen das nicht. Ab jetzt schicken wir alles ungeöffnet zurück.“ Immer wieder fällt Anna über das fehlende „u“ in der wohl hastig geschriebenen E-mail. Zieht Kreise durch die nun unbewohnten Zimmer.

Anna zögert, bei einem der vielen Portraits, die an der hellblauen Zimmerwand hängen. Nimmt sie aber dann doch herunter. Hängt andere Bilder auf: Den Dalmatiner, den Tiger und zwei Fotos, als sie selbst ein Kind war.

Fein gelocktes halblanges Haar. Und eines, gemeinsam mit ihren Geschwistern. Drei Kinder mit kurzen Hosen im Sand. Im Hintergrund das Meer.

Anna nimmt die Kakteen aus den gelben Übertöpfen und stellt sie in die roten. Spürbar gewachsen sind sie, seid sie weg gegangen sind.

Anna gießt. – Stellt sich vor, wie ihr Sohn aussieht. Seine Stimme klingt. Was sie sonst zu bewältigen haben? Sie trägt Bücher hinunter in den Keller. Schulbücher, Jugendbücher, Fear Street Bücher, Greg´s Tagebücher, Harry Potter Bücher.

Anna setzt sich auf den Kellerboden und sieht sich die bunte Wand an. Die Spraydosen damals extra gekauft. Im Graffiti Wahn. Da eine mathematische Formel. Dort ein Hai. Herzen: Rote, grüne, gelbe, blaue. Schwarze Abdrücke von Pfoten. Smileys.

Ein schwarzes  Messer von dem Blut tropft.

Nach Auskunft der Post kostet eine Rücksendung 20 Euro.

Weißes Kreuz

Inzwischen ist es dunkel geworden. Die weißen Kreuze im grün blau schwarz gemusterten Wandteppich sind unzählbar.

Anna hört die Schritte ihres Vaters über sich. Es knarrt vom Zimmer der Eltern am Dachboden. – Gut. Vati ist da.

Anna dreht sich Richtung Fenster. Der Mond scheint. Autos fahren vorbei. Sogar bei geschlossenem Fenster hört sie die Grillen zirpen.

Nun wieder Vati. Er kommt die steile Leiter herunter. Anna sieht seinen Schatten durch die gläserne Türe. Zuerst geht er vorbei. Dann kommt er immer näher. Öffnet die Türe.

Anna schließt die Augen. Sie hört seinen Atem. Er setzt sich an die Bettkante. Streicht mit seiner Hand behutsam über ihren Kopf. Mit einem Finger fährt er ein Mal von oben nach unten und dann von rechts nach links.

Sommer Alarm

Das schrille Läuten reißt Anna aus dem Schlaf. Hastig greift sie zum Wecker. Er rutscht auf den Parkettboden. Regungslos wartet  Anna und lauscht.  Auf das Knarren eines Bettes. Ein schlaftrunkenes Murmeln oder Seufzen. – Es bleibt ruhig.  Sie hebt den rosa Wecker vom Boden und hält ihn ans Ohr. Er tickt. Und wenn er noch so schrill läutet. Dieser Alarm wird sie nicht mehr wecken.

 

Sommer 1974

Pframa. Nähe Donauauen. Niederösterreich.

Hastig dreht sich Anna um. Läuft durch das braune Scheunentor hinaus auf die Straße. Die jungen Katzen folgen ihr auf dem schmalen Gehweg. Er führt an der kleinen Dorfkirche vorbei. Anna hastet weiter. Das grüne Haarband rutscht hinunter. Kurz vorher noch von der Bäuerin ins Haar geflochten. Pferde wiehern. Ein Traktor fährt vorbei. Es riecht nach frisch Gemähtem. Anna läuft über die Straße zum Haus. Durch das grüne Gartentor über die Terrasse, durchs Wohnzimmer ins Kinderzimmer. Dort, alleine, legt sie sich auf ihr Bett. Dunkelbraun mit hohem Kopfteil. Praktisch zum Lesen. Es steht rechts an der Wand. Anna schiebt ihren Polster zur Seite. Möchte das kühle Leintuch auf ihrer Wange spüren. Sie fährt durch ihre Haare, sucht ihr grünes Haarband. Es ist nicht mehr da. Anna dreht sich zum Wandteppich. Beginnt im grün blau schwarzen Muster die weißen Kreise zu zählen.

 

 

Schulferienstart

Umgeben von in Händen gehaltenen Klarsichthüllen. Manche schon mit Zeugnis, andere noch leer. Aufgeladene Luft nach einer gewittrigen Nacht.  Heute wird alles anders.