In anderem Licht

Zuerst hört sie das Knarren des Bettes. Dann die kleinen Füßchen am Parkettboden. Wie sie immer näher kommen. Im Halbschlaf schaltet sie das Licht ein. Es ist halb drei Uhr nachts. „Ich kann nicht schlafen, Mama“  kriecht unter die Bettdecke ihrer Mutter und schläft kurz darauf auch schon wieder. Die Mutter streichelt zärtlich über ihre blonden feinen Haare und dreht das Licht ab.

Sie muss wohl träumen, die Tochter. Hin und wieder seufzt sie oder murmelt etwas. Dann dreht sie abrupt einen Fuß oder einen Arm in die entgegengesetzte Richtung. Oder knirscht mit den Zähnen. Die Mutter lächelt. Morgen werde ich sie gleich in der Früh erinnern, dass sie die Vitamintabletten nimmt. Der Arzt sagt, da hat sie nur einen Mangel, den holt sie sich aus den Zähnen.  Gut, dass sie immer wieder bei der Mutter schläft. Irgendwann wird sie nicht mehr kommen. Nachts um halb drei.

Irgendwann ist heute.  Das Meer trennt sie voneinander.  Nachts um halb drei lauscht die Mutter in die Stille hinein. Sieht aus dem Fenster den Mond und die Sterne an. Schickt Gedanken. Hofft auf ein unsichtbares Band. Und, dass irgendjemand bei ihr ist, zu dem sie ins Bett kriechen kann. Der ihre Hand hält. Ihr über den Kopf streichelt. Lächelt, wenn Fuß, Arm oder Hand schnelle Bewegungen machen. Ihr erzählt, wenn sie mit den Zähnen knirscht. Und ihr sagt, wie schön sie ist!

Möge sie auch heute die Hand ihrer Mutter, den offenen Raum, die Nähe spüren. Denn über dem großen weiten Meer, in einem anderen Land, steht ein Bett, das knarren würde.  Und noch immer würde sie dort mit ihren nun großen Füssen über den Parkettboden gehen. Nur das Licht würde sich anders anfühlen. – Nachts um halb drei, wenn sie die Bettdecke zur Seite schiebt.

lass jetzt los

Er, der alte Vater, steht links. Schwarzer Anzug, Krawatte, weißes Hemd. Gebückte Haltung. Angespannter Rücken. Ausgewachsener Kurzhaarschnitt. Grau meliert.

Sein rechter Arm fest um ihre Hüfte geschlungen. Sein Blick schräg nach unten. Sie, die Tochter, rechts. Sie trägt schwarze oder dunkle Rollerskates. Schlank. Kurze Haare.  An den Ohren kurz rasiert. Blond. Zumindest in dem hellen Morgenlicht.

Schwarze eng anliegende Hose, weißes Hemd. Gerade Haltung. Blick nach vorne. Wirkt größer als der Vater. Ihr linker Arm liegt locker über seiner Schulter.

So stehen die beiden auf einer Straße. Sie führt hinab. Leicht kurvig.

Links und rechts Wohnhäuser. Vor den Häusern stehen Mistkübel. Fein säuberlich aufgereiht. Aber auch bewusst geordnet gepflanzte Bäume.

Der Schatten der beiden zeigt nach hinten. Vorne also die Morgensonne. Das Foto scheint bearbeitet. So viel grelles rot ist unnatürlich.

Ob sie sich dann wirklich hinunter rollen ließ?  Mit den Rollerskates?

Ob er seinen Griff um ihre Hüfte lösen konnte?

Was sie ihm wohl gesagt haben könnte?“

„Lass jetzt los?“

als wäre es anders

Arz_t: Sie regen sich zu sehr auf.

Me_nsch: Meine Kinder sind weg.

Arz_t: Sie müssen das von außen betrachten. Als wären Sie gar nicht drin. Gehen Sie einen Schritt zurück. Was sehen Sie da?

Me_nsch: Jemanden, der trotz Rechtsstaat kein Recht hat.

Arz_t: Ja,  ich weiß. -Stellen sie sich einfach vor, dass es anders ist!

Reitstiefel

Es ist weniger der Geruch des Leders, als das der Pferde. Des Stalls. Stroh, Sattel, Striegeln, Hufkratzer, Halfter, Mäuse und Ratten. Zigaretten. Feuerzeug. Huffett. Wasser. Schweiß. Schweißmesser. Erde. In unterschiedlicher Konsistenz. Vom Feldweg. Von der Koppel. Vom Viereck. Und vom Sprungplatz. Geflochtene Mähnen fürs Turnier. Bunt. Verspielt. Passend zu den Gamaschen oder der Satteldecke. Dem Schmuck der Reiter_in.

Pferdegewieher von allen  Seiten. Ein Pferd wiehert aus dem Stall, das andere erwidert von der Koppel. Oder dem Dressurviereck. Reitlehre_r geben Kommandos. Richte_r betätigen die Glocke, die vor ihnen am Richtertisch steht. Als Zeichen für den Startschuss beim Turnier. Dann, der Reitergruß. Der kurze stille Moment, in dem das Pferd ganz ruhig stehen muss. Vorderbeine und Hinterbeine geordnet nebeneinander. Da nicken sich Richter und Reiter zu.  Manchmal bewegt sich das Pferd in dem Moment, in dem der Reiter seine rechte Hand zum Gruß nach hinten streckt. Ein Tritt in die Flanke, und es steigt meist wieder brav zurück.  Dann durch die Mitte getrabt. Das Schnaufen des Pferdes beendet die Stille. Manche Pferde machen auch Magengeräusche.

Dann, Takt des Trabs. Takt des Schritts. Takt des Galopps. Hinkt ein Pferd, auch wenn nur leicht, kann der Reite_r aus dem Takt kommen. Pferdekenne_r bemerken es schon vorher. Da wird auf der Stelle Ruhepause verordnet. Ob Turnier oder nicht.

Reitstiefel!  Das ist Freiheit genauso wie Disziplin. Vorsicht genauso wie Mut zur Nähe. Pferde spüren Angst. Sehen Gefahr, wo manch eine_r erst unsanft am Boden aufkommen muss, um zu erkennen, dass da ein Traktor um die Ecke kommen wird.

Ein Pferd geht durch. – Staub wirbelt auf. Reite_r laufen zusammen. Sie wollen es einfangen. Besonders die jungen versuchen es.  Aber kaum mit der Hand nahe des herunter baumelnden Strickes, schert das Pferd wieder aus. Wirkt wie ein Spiel. Erfahrene Reite_r tun gar nichts. Denn ein Pferd läuft von selbst wieder heim. Findet den Stall.  Die Box.

Reitstiefel ist Sommer. Kindheit. Freiheit. Abenteuer. Geselligkeit und Familie. Menschen, die mit Pferden reden können, auch ohne Worte!

Der Geruch von Reitstiefeln als Summe von Begegnungen zwischen Mensch und Natur. Aber auch zwischen Mensch und Mensch. Der Umgebung, der Gesellschaft, der Chancen und Fähigkeiten. Und noch vieles mehr. Viel davon bleibt im Verborgenen.

In Reitstiefeln wirkt manches heller. Wärmer. Authentischer und stärker.

Graue Dissonanz

Beide groß. Beide in Anzug und Krawatte. Gepflegte Schuhe.  Beide Seitenscheitel. Schwarz, leicht grau melierte Haare. Der eine mehr, der andere weniger. Beide ähnliche Interessen. Beide wollen etwas von Anna. Der eine will, dass sie, wie schon so oft, den anderen  verlässt.  Der andere will, wie auch schon die anderen davor,  mit ihr zusammen sein.  Aber eines ist diesmal anders:  Derjenige, der mit ihr zusammen sein will, ist stärker, als die davor. Er hält dagegen. Ohne dafür Kraft zu verschwenden.  Anna verlässt ihn nicht.  Dafür wollen aber beide etwas.  Viele Jahre lang. Der eine Aufopferung, der andere Verleugnung. Beide groß, noch immer mit Anzug, Krawatte, gepflegten Schuhen, Seitenscheitel.  Nur die Haare. Die sind nun bei beiden grauer geworden.

Schon aufgewacht?

Anna erhält nun schon länger keine persönliche Nachricht mehr. Eine, die wirklich von ihnen selbst geschrieben ist. Bekommt sie Post vom Gericht, freut sie sich fast darüber. Weil es ein Lebenszeichen ist!

Mittlerweile versteht Anna, dass es nicht um die Wahrheit geht.  Sondern um Taktik. Verzögerungstaktik. Je verwirrender ein Verfahren geführt wird, umso eher zieht es sich in die Länge.

Auch wenn Anna scheinbar verliert. Es  gibt keinen Abend ohne gedankliches, „gute Nacht, ich hab euch lieb.“  Und keinen Morgen, an dem sie nicht aufwacht, und in die Stille hineinhorcht, ob wohl schon einer der beiden aufgewacht ist …!

Weibliche Stichkunst

Damit du doch noch deinen Frieden findest:

Ich gebe hiermit zu, dich hereingelegt zu haben, wie ich noch nie in meinem Leben eine Frau hereingelegt habe.

Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich mir die Kinder schnappen und mich für den Rest meines Lebens von ihnen verwöhnen lassen würde. Offensichtlich hast du nicht einmal bemerkt, dass du selbst dafür gesorgt hast:

Du warst es ja, die sie so wunderbar nach meinen Vorstellungen erzogen hat: du selbst also hast ihnen die Werte mitgegeben, die ich brauche:

Mitgefühl, Vertrauen, Verantwortung, Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Stärke, Reife, Intelligenz, Denkfähigkeit, Gesundheit, Schönheit und vor allem bedingungslose Liebe: Also wann immer du ihnen gesagt hast, dass ich sie liebe, hast du mir zugearbeitet. Danke dafür!

Eines muss ich schon erwähnen, ursprünglich wollte ich zwischen euch Streit sähen. Aber dagegen warst du völlig immun.

Ich habe daher einen Plan ausgeheckt, wie ich trotzdem den Eindruck erwecken kann, dass du die Böse bist. Die Kinder sind felsenfest davon überzeugt, dass du es ihnen nicht erlaubt hättest. Dass du einfach dagegen warst. Dass du sie deshalb auch nicht einmal besuchst!

Natürlich finden sie, dass du dafür ordentlich bezahlen sollst. Sie haben gar nicht bemerkt, dass ich die Fäden alle gezogen habe! Ich dafür gesorgt habe, dass sie nie wieder in das blöde Haus zurück wollen. Dass ihr Wunsch eigentlich mein Plan war! Von Anfang an.

Mich hinterfragen sie schon lange nicht mehr. Sie glauben mir alles. Also inzwischen sind sie ziemlich immun. Sie wollen dich nie wieder sehen! Nur dein Geld.

Obwohl ich ganz ehrlich überrascht bin, wie schnell du mich durchschaut hast. Du hast es trotzdem nicht verhindern können!

Schwach! Oder?

PS: Anbei sende ich dir das dämliche Mädchenzeug zurück. Das braucht keiner! Und es soll dich in jeder deiner vielen einsamen Stunden daran erinnern, dass du deine Kinder im Stich gelassen hast.

PPS: Dieser Brief ist literarisch, konstruiert, künstlich, irreal, erfunden! Jeglicher Bezug zur Realität ist unbeabsichtigt und daher irrelevant!

Bodenlose Wiederkehr

„Das ist mein Strom – und du bist grad bei uns zu Gast“, sagt er forsch, kommt näher und dreht den Computer ab. Gerade noch sieht sie, wie sich die Augen des Buben mit Tränenwasser füllen. Dann ist der Bildschirm schwarz.

Ihr Atem wird schwer. Das Herz spürt sie bis zum Hals pochen. Sitzt da und starrt in ihren Computer hinein. Ob da ein neuer Anruf reinkommen würde? Mehrmals klickt sie mit der Maus auf das Anrufen Symbol und überlegt, ob sie selbst nochmals wählen sollte.

Kauert sich in den Sessel und nimmt das Buch zur Hand, aus dem sie vorlesen wollte. Was tun? Ruft er wieder an? Wie geht es ihm bloß? Er wollte das nicht. Er sagte leise, „bitte geh“!

Der dezente Klingelton von Skype unterbricht sie. Er ruft wieder an! – Blitzschnell klickt sie auf das grüne Telefonsymbol für Anruf annehmen: Da ist er wieder. Mit sichtbar feuchten Augen. Rot um Augen und Nase. Seine Wangen fast so weiß wie sein Hemd.

Sie nimmt das Buch zur Hand um daraus vorzulesen: Die Erzählung handelt von einem Buben, der zum fünften Mal versucht,  sich bei der Endstation einer Straßenbahn darin zu verstecken, um die Umkehr des Waggons mitzuerleben.

Die Geschichte endet mit: „Ich stieg wieder ein, bezahlte wortlos die Rückfahrt. Als der Schaffner den Waggon abkassiert hatte und sich wieder zum Wagenführer stellte, wurde mir klar, dass ich für die Fahrt auf der Schleife nichts zu bezahlen brauchte. Ich jubelte innerlich: Ich meinte, ich hätte das Geheimnis der Wiederkehr gratis erworben.“

Sie klappt das Buch zu. Sieht zu ihm in den Computer. Ruhig sitzt er da. Müde. Daher verabschieden sich  die beiden voneinander.

Es soll für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein.

Schwarzes Licht

Vor fast zwei Jahren machte sie einen riesen Schritt in ein anderes Leben: Mit einer großen Hoffnung zog sie zu ihrem Vater. Er wollte mit ihr und ihrem Bruder auswandern.

Dann hörte die Mutter länger nichts. Erst wieder zu Weihnachten. Am Heiligen Abend war sie da. Und nahm ein paar Dinge mit. Auch für ihren Bruder.

Dann ging alles ganz schnell. Paketsendungen. Wohnung auflösen. Ein Foto vom Abflugtag am Flughafen.  Ein dezentes aber hoffnungsvolles Lächeln.

Wieder einige Wochen kein Lebenszeichen. Bis zu einem Treffen per Skype. Die Bildübertragung klappte nicht.  Bei der Mutter blieb es schwarz. Sie hörte nur die Stimmen.

Das ist jetzt ein Jahr her.

Doppeldenk – Doublethink

beschreibt die Fähigkeit in seinem Denken zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide zu akzeptieren.

Das schließt mit ein: Absichtlich Lügen zu erzählen und aufrichtig an sie zu glauben; jede beliebige Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, und dann, falls es wieder nötig ist, sie aus der Vergessenheit zurückzuholen; so lange wie nötig die Existenz einer objektiven Realität zu leugnen und gleichzeitig die Realität zu akzeptieren, die man verleugnet. (…): https://de.wikipedia.org/wiki/Doppeldenk