Reitstiefel

Es ist weniger der Geruch des Leders, als das der Pferde. Des Stalls. Stroh, Sattel, Striegeln, Hufkratzer, Halfter, Mäuse und Ratten. Zigaretten. Feuerzeug. Huffett. Wasser. Schweiß. Schweißmesser. Erde. In unterschiedlicher Konsistenz. Vom Feldweg. Von der Koppel. Vom Viereck. Und vom Sprungplatz. Geflochtene Mähnen fürs Turnier. Bunt. Verspielt. Passend zu den Gamaschen oder der Satteldecke. Dem Schmuck der Reiter_in.

Pferdegewieher von allen  Seiten. Ein Pferd wiehert aus dem Stall, das andere erwidert von der Koppel. Oder dem Dressurviereck. Reitlehre_r geben Kommandos. Richte_r betätigen die Glocke, die vor ihnen am Richtertisch steht. Als Zeichen für den Startschuss beim Turnier. Dann, der Reitergruß. Der kurze stille Moment, in dem das Pferd ganz ruhig stehen muss. Vorderbeine und Hinterbeine geordnet nebeneinander. Da nicken sich Richter und Reiter zu.  Manchmal bewegt sich das Pferd in dem Moment, in dem der Reiter seine rechte Hand zum Gruß nach hinten streckt. Ein Tritt in die Flanke, und es steigt meist wieder brav zurück.  Dann durch die Mitte getrabt. Das Schnaufen des Pferdes beendet die Stille. Manche Pferde machen auch Magengeräusche.

Dann, Takt des Trabs. Takt des Schritts. Takt des Galopps. Hinkt ein Pferd, auch wenn nur leicht, kann der Reite_r aus dem Takt kommen. Pferdekenne_r bemerken es schon vorher. Da wird auf der Stelle Ruhepause verordnet. Ob Turnier oder nicht.

Reitstiefel!  Das ist Freiheit genauso wie Disziplin. Vorsicht genauso wie Mut zur Nähe. Pferde spüren Angst. Sehen Gefahr, wo manch eine_r erst unsanft am Boden aufkommen muss, um zu erkennen, dass da ein Traktor um die Ecke kommen wird.

Ein Pferd geht durch. – Staub wirbelt auf. Reite_r laufen zusammen. Sie wollen es einfangen. Besonders die jungen versuchen es.  Aber kaum mit der Hand nahe des herunter baumelnden Strickes, schert das Pferd wieder aus. Wirkt wie ein Spiel. Erfahrene Reite_r tun gar nichts. Denn ein Pferd läuft von selbst wieder heim. Findet den Stall.  Die Box.

Reitstiefel ist Sommer. Kindheit. Freiheit. Abenteuer. Geselligkeit und Familie. Menschen, die mit Pferden reden können, auch ohne Worte!

Der Geruch von Reitstiefeln als Summe von Begegnungen zwischen Mensch und Natur. Aber auch zwischen Mensch und Mensch. Der Umgebung, der Gesellschaft, der Chancen und Fähigkeiten. Und noch vieles mehr. Viel davon bleibt im Verborgenen.

In Reitstiefeln wirkt manches heller. Wärmer. Authentischer und stärker.

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